Vier Branchen, vier unterschiedliche Berührungspunkte mit künstlicher Intelligenz und am Ende eine ähnliche Haltung: KI kann Arbeit erleichtern, Zeit sparen und Fehler vermeiden. Aber dort, wo Vertrauen, Empathie und persönliche Verantwortung gefragt sind, soll der Mensch das letzte Wort behalten. Bei der zweiten „Wirtschaftslust“ von Lokallust diskutierten Halterner Unternehmer in der Volksbank über Chancen, Grenzen und den europäischen AI Act.
Nach dem Auftakt im Hotel Pfeiffer ging die Gesprächsreihe in die zweite Runde. Am Tisch saßen Karsten Kalinowski vom Pflegedienst Arte Clean, Hörakustikmeister Thomas Stevermüer, Bestattermeisterin Pia Mertens und Adrian Zingler, Manager Künstliche Intelligenz bei der VR-Bank Westmünsterland.
Die Branchen könnten kaum unterschiedlicher sein. Trotzdem ähnelten sich die Fragen: Wo kann KI Routine übernehmen und wo muss der Mensch unersetzlich bleiben?
Der AI Act lieferte den aktuellen Anlass. Ab dem 2. August 2026 greifen weitere Regeln. Im Mittelpunkt stand aber die Praxis: Was verändert KI schon heute in Halterner Unternehmen?
Die Bank lässt KI sortieren
Bei der Volksbank Westmünsterland eG beschäftigt sich eine eigene Abteilung mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Genutzt wird sie vor allem dort, wo wiederkehrende Aufgaben vereinfacht und Abläufe effizienter gestaltet werden können. Ein Beispiel ist die Baufinanzierung. Hier kann KI Unterlagen sortieren und auf Vollständigkeit prüfen.
Automatische Kreditentscheidungen durch KI gibt es bei der Volksbank Westmünsterland nicht. Solche Anwendungen gelten als Hochrisiko KI und betreffen besonders sensible Entscheidungsbereiche. Die Technik soll vor allem bei Routinearbeiten unterstützen. So bleibt mehr Zeit für das persönliche Gespräch und die Beratung der Kunden.
Mehr Zeit für die Pflege
Karsten Kalinowski nutzt bei Arte Clean schon länger KI. Ein Modul hilft bei der Tourenplanung, bald soll als Pilotprojekt eine speziell auf die Pflege zugeschnittene Anwendung hinzukommen.
Pflegekräfte sollen vor einem Besuch eine Zusammenfassung der bisherigen Dokumentation erhalten. Eingesprochene Pflegeberichte sollen automatisch in die Dokumentation übertragen werden.
Kalinowski spricht von einem möglichen „Game Changer“. Die Hoffnung ist einfach: weniger Dokumentation, mehr Zeit beim Kunden. Eine Grenze zieht er deutlich. Bei medizinischen Härtefallentscheidungen müsse der Mensch entscheiden. KI könne Hinweise geben, aber nicht bestimmen, wie darauf reagiert werde.
Einen KI-Telefonagenten hat Arte Clean dagegen zunächst verworfen. Gerade ältere Kunden erwarteten einen erreichbaren Ansprechpartner.
KI sitzt längst im Hörgerät
Dass Handwerk keineswegs KI-frei ist, zeigt Thomas Stevermüer. „Bei modernen Hörsystemen gibt es KI schon lange. Das ist keine Zukunftsmusik“, sagte er.
Moderne Geräte erkennen unterschiedliche Hörsituationen, passen Lautstärke oder Störgeräuschunterdrückung an und lernen aus dem Nutzerverhalten.
Doch auch hier bleibt eine Grenze. „Die Erfahrung des Hörakustikers darf auf keinen Fall durch blindes Vertrauen in die Software ersetzt werden“, betonte Stevermüer.
Weitere Möglichkeiten sieht er bei Terminvereinbarungen oder häufigen Kundenfragen. Die größere Hürde für kleine Betriebe sei oft die Orientierung: Welche Software passt, wie steht es um Datenschutz und Schulungen?
Wenn Zuhören wichtiger ist
Besonders deutlich wird die Grenze der Technik bei Pia Mertens. Im Bestattungshaus wird KI etwa bei Recherchen oder beim Trauerdruck eingesetzt.
Die Begleitung von Angehörigen bleibt menschliche Arbeit. „Wir arbeiten mit Menschen in den schwersten Momenten ihres Lebens“, sagte Mertens. Informationen könne KI aufarbeiten. Zuhören, Mitgefühl und Empathie könne sie nicht ersetzen.
Wenn KI Verwaltungsarbeit verkürzt, entsteht für Mertens vor allem eines: Zeit für persönliche Gespräche und individuelle Begleitung. Entscheidend sei deshalb auch, was Unternehmen mit der gewonnenen Zeit anfangen.
Datenschutz als rote Linie
Bei einem Punkt herrschte große Einigkeit: Personenbezogene und sensible Daten gehören nicht unbedacht in frei zugängliche KI-Systeme.
Stevermüer würde Gesundheitsdaten seiner Kunden nicht in ein allgemeines KI-Modell eingeben. Mertens formulierte für personenbezogene Daten eine ebenso klare Grenze. Auch bei der Bank ist die Nutzung genau geregelt.
Zingler berichtete von Schulungen für Mitarbeiter und Auszubildende. Dabei gehe es neben guten Prompts vor allem um Grundlagen und Datenschutz. KI-Kompetenz bedeute auch zu wissen, was man einer Maschine besser nicht anvertraut.
Wie viel Regulierung verträgt der Mittelstand?
Niemand am Tisch sprach sich für einen rechtsfreien Raum aus. Gerade bei sensiblen Entscheidungen und persönlichen Daten seien klare Grenzen notwendig.
Gleichzeitig war die Sorge groß, dass aus einem Werkzeug zum Bürokratieabbau neue Bürokratie entstehen könnte. Kalinowski verwies auf bestehende Melde-, Nachweis- und Dokumentationspflichten. Weitere komplizierte Regeln könnten den Umgang für kleinere Unternehmen erschweren.
Zingler sieht zudem ein Paradox: KI könnte Unternehmen helfen, regulatorische Anforderungen schneller zu erfüllen. Gleichzeitig könnten Aufsichtsbehörden dieselbe Technik nutzen, um mehr Daten automatisch zu prüfen.
Am Ende bleibt der Mensch
Am Ende war auffällig, wie ähnlich vier sehr unterschiedliche Branchen auf KI blicken. In der Bank sortiert sie Dokumente, in der Pflege soll sie Dokumentation erleichtern, beim Hörakustiker unterstützt sie Technik und Verwaltung, im Bestattungshaus hilft sie im Hintergrund. Überall soll dadurch vor allem eines entstehen: mehr Zeit für Menschen.
Je näher es aber an Verantwortung, Vertrauen, Mitgefühl und schwierige Entscheidungen geht, desto deutlicher wird die Grenze.
Pia Mertens brachte die Haltung der Runde auf den Punkt: „Nur weil etwas technisch möglich ist, heißt es nicht im Umkehrschluss, dass es auch menschlich sinnvoll ist.“
Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage für die kommenden Jahre: nicht, wie viel Arbeit künstliche Intelligenz uns abnehmen kann, sondern wofür wir die dadurch gewonnene Zeit nutzen.

