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70 Jahre Fanfaren Haltern: Der Klang der Heimat feiert Jubiläum

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Seit 70 Jahren gehören die Landsknecht-Fanfaren zu Haltern am See. Was 1956 mit einem „entführten“ Schützenkönig begann, führte die Musiker im Laufe ihrer Geschichte bis auf die Fifth Avenue in New York und ins Fernsehen zu „Wetten, dass..?“. Am 19. und 20. September wird das Jubiläum groß gefeiert.

Wenn die ersten Fanfaren erklingen und die Trommeln einsetzen, klingt es bei den Bürgern dieser Stand sofort nach „Heimat“. Man weiß sofort, wer da durch die Straßen zieht. Seit sieben Jahrzehnten gehört dieser Sound genauso zur Seestadt wie der Siebenteufelsturm.

„Kurz bevor man über die Rekumer Straße marschiert und anfängt zu spielen, dann sieht man schon, wie die Leute sich umdrehen: Guck mal, da kommen sie“, erzählt der Tambourmajor Thomas Hass. Und wenn dann 40 oder 50 Mann hinter ihm marschieren und die Kinder am Straßenrand zuschauen, „da geht einem das Herz auf“.

In diesem Jahr dürfte dieser Moment noch etwas größer ausfallen. Das 1. Landsknecht-Fanfarenkorps Haltern am See wird 70 Jahre alt. Happy Birthday!

Alles begann mit einem geklauten Schützenkönig

Die Geschichte des Vereins beginnt 1956 – und zwar mit einer Aktion, die heute wohl etwas ungewöhnlich klingt. Damals wurde beim Schützenfest nicht nur der Vogel geklaut, sondern der Schützenkönig gleich mit.

Einige junge Halterner hatten sich vorgenommen, den entführten Regenten auf besondere Weise zurückzubringen. Trommeln und Fanfaren sollten das Spektakel begleiten, gespielt im Stil der Landsknechte.

Die Rückgabe des entführten Schützenkönigs wurde schließlich von rund 10 musizierenden Männern – den Ur-Fanfaren – begleitet. Die Idee kam an und avancierte zur Tradition. Weitere Mitstreiter schlossen sich an und im Dezember 1956 wurde der Verein offiziell gegründet.

Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Bernhard, Norbert und Ludger Stucke, Erich Sasse, Erwin Kühnel, Franz Josef Abendroth, Heinz Schrief, Erich Göttlich, Franz Josef Surmann, Udo Marx, Heinz Ebbinghaus, Heinz Becker und Dieter Prahm.

Ein Name verbindet die Anfangsjahre sogar noch unmittelbar mit dem heutigen Verein: Ludger Stucke ist bis heute Mitglied.

Blau und Weiß wurden zum Markenzeichen

Wer die Fanfaren heute sieht, erkennt sie schon von weitem an ihren weiß-blauen Landsknechtuniformen. Nein, das hat nichts mit Schalke zu tun und in den Anfangszeiten traten die Musiker noch recht schlicht auf: schwarze Hose, weißes Hemd und blaue Krawatte. Erst Anfang der 1960er-Jahre kamen die Landsknechtuniformen mit den markanten Farben des Halterner Wappens hinzu, die bis heute die Optik der Fanfaren prägen.

Zwischendurch half man sich sogar einmal aus der Not heraus mit roten Uniformen aus. Der Verein war so schnell gewachsen, dass schlicht nicht genügend eigene Kleidung vorhanden war.

Heute sind die Uniformen Maßanfertigungen. Spezialschneidereien fertigen sie für jedes Mitglied einzeln an. Eine günstige Angelegenheit ist das nicht – und auch deshalb werden die Uniformen möglichst lange getragen. Zudem gibt es kaum noch Schneiderwerkstätten, die solche Arbeiten durchführen.

Von Haltern bis zur Fifth Avenue

Aus dem Verein, der ursprünglich in Haltern und der Umgebung auftrat, wurde über die Jahrzehnte ein weit gereistes Fanfarenkorps.

England, Frankreich und Österreich stehen ebenso in der Chronik wie das Münchner Oktoberfest, das Schützenfest in Hannover, der Bremer Freimarkt, der Karneval in Köln oder der Düsseldorfer Rosenmontagszug.

Ein Auftritt sticht bis heute heraus: New York.

Ende der 1990er-Jahre nahmen die Halterner an der deutsch-amerikanischen Steuben Parade teil. Die Parade feiert die deutsch-amerikanische Freundschaft und erinnert an den preußischen General Friedrich Wilhelm von Steuben. Gemeinsam mit einer Delegation aus Haltern ging es auf Einladung mitsamt Bürgermeister in die USA.

Allein die Anreise mit Instrumenten war ein kleines Abenteuer. Von Düsseldorf ging es zunächst nach Chicago und von dort zurück nach New York – diese Verbindung war damals günstiger als ein Direktflug.

Dann standen die Musiker dort, wo sonst Taxis, Busse und Menschenmassen das Bild bestimmen: auf der Fifth Avenue.

In Fünferreihen marschierten die Halterner durch Manhattan. Hochhäuser links und rechts, Zuschauer am Straßenrand und mittendrin Landsknechtuniformen aus Haltern am See.

Besonders in Erinnerung blieb auch eine Begegnung mit der New Yorker Feuerwehr. Feuerwehrleute, die während des Umzuges in der Nähe der Halterner marschiert waren, luden die Gruppe anschließend zu einem geselligen „Come Together“ spontan ein. Es gab Kartoffelsalat, Bockwürstchen und Bier. Ein Stück Halterner Heimat mitten in New York.

Mit Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“

Auch im deutschen Fernsehen tauchten die Halterner auf. Im Juni 1991 waren sie bei „Wetten, dass..?“ mit dabei.

Die Sendung mit Thomas Gottschalk wurde in Xanten aufgezeichnet. Wegen des römischen Hintergrundes waren Musiker mit langen Aida-Trompeten (historische römische Zeremonialtrompeten) gefragt. Acht Halterner kamen zum Einsatz und mussten dafür ihre gewohnten Landsknechtuniformen gegen Römerkostüme tauschen. Mit ihren Fanfaren begleiteten sie dann den Einzug in die Arena.

An solche Auftritte erinnert man sich natürlich gerne. Mindestens ebenso lebendig sind im Verein allerdings die Geschichten, bei denen nicht alles nach Plan lief.

Wenn die Pauke falsch abbiegt

70 Jahre Vereinsleben liefern reichlich Stoff für Anekdoten.

Bei einem Umzug in Hattingen bog beispielsweise die gesamte Gruppe in eine Richtung ab – nur der Paukenspieler nicht. Der marschierte unbeirrt weiter und bemerkte erst nach 30 oder 40 Metern, dass vor und hinter ihm plötzlich niemand mehr zu sehen war.

Ein anderes Mal übersah derselbe Musiker wegen seiner großen Pauke einen Poller. Der Musiker hinter ihm bemerkte das Hindernis ebenfalls nicht und schob ihn gleich noch ein zweites Mal gegen das massive Hindernis.

Auch Fahnenträger mussten Lehrgeld zahlen. Wer mit einer hohen Fahne in ein Festzelt marschiert, sollte die Deckenhöhe im Blick behalten. In einem Fall blieb die Fahnenstange nicht nur an der Zeltdecke hängen. Beim erneuten Anheben traf sie dann einen Kronleuchter – der anschließend zwischen den Reihen mit Ach und Krach herunterkam. Zum Glück kamen alle nur mit einem Schrecken davon.

Und dann wäre da noch die Trommel im Gelenk eines Ziehharmonikabusses. Der Bus hatte Haltern noch kaum verlassen, als er die erste Kurve nahm. Die Trommel wurde durch das Gelenk des Busses schlichtweg zerquetscht, war danach platt und der Auftritt für ihren Besitzer zumindest musikalisch beendet.

Weniger Auftritte – dafür Anfragen von weiter her

Verändert hat sich in sieben Jahrzehnten einiges. Früher war das Fanfarenkorps vor allem in Haltern und der näheren Umgebung unterwegs. Heute kommen Anfragen auch beispielsweise aus dem Münsterland und aus Niedersachsen.

An Anfragen fehlt es nicht. Eher im Gegenteil. Etwa 15 bis 20 Auftritte absolviert der Verein heute pro Jahr. Früher waren es teilweise sogar 30 oder 35. Das sei mit Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen inzwischen kaum noch vereinbar. Deswegen geht heute Qualität vor Quantität und wenig interessantere Auftritte werden auch unter Umständen nicht angenommen.

Auch innerhalb des Vereins ist man lockerer geworden. Früher wurde von Mitgliedern erwartet, dass sie bei Auftritten grundsätzlich dabei sind. Diese Erwartungshaltung ist mit der heutigen Zeit, u.a. in Hinblick auf berufliche Flexibilität und Familienleben, kaum noch vereinbar. Der Verein musste sich in Hinblick auf diesem Wandel anpassen.

Das funktioniert auch deshalb, weil die Gruppe je nach Anlass in unterschiedlicher Stärke spielen kann. Rund 35 aktive Musiker stehen zur Verfügung. Insgesamt zählt der Verein 146 Mitglieder.

Das Altersspektrum ist beachtlich: Die jüngsten Aktiven sind 16 Jahre alt, das älteste aktive Mitglied ist 81.

Theo Schmitz gehört seit Jahrzehnten zum festen Bild der Fanfaren. Mehr als 1000 Auftritte hat er absolviert, viele Jahre den Verein als Vorsitzender geführt und zahlreiche Aufgaben übernommen. Heute gehört er gemeinsam mit Cornelius Janni zu den Ehrenpräsidenten. Inzwischen spielt auch sein Enkel im Verein.

Nachwuchs ist willkommen

Neue Musiker sucht das Fanfarenkorps weiterhin. Vorkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich. Noten lesen zu können ist hilfreich, aber kein Muss.

Wer neu einsteigt, wird ausgebildet. Dafür gibt es sowohl einen externen Musiklehrer als auch Übungsleiter aus den eigenen Reihen. Momentan werden vor allem Bläser gesucht, da der Verein bei den Trommlern bereits grundsolide besetzt ist.

Gespielt wird übrigens nicht auf gewöhnlichen Trompeten. Die Fanfaren besitzen keine Ventile und können deshalb nur bestimmte Töne erzeugen. Das setzt dem Repertoire Grenzen.

Trotzdem hat sich musikalisch einiges getan. Rund 30 klassische Märsche gehören seit Langem zum Straßenprogramm. Für Bühnenauftritte gibt es inzwischen deutlich mehr Stücke und eine eigene Konzertaufstellung.

Und einige Märsche kennen die Halterner offenbar so gut, dass sie bei Auftritten regelrecht eingefordert werden.

Und jetzt wird gefeiert: Zwei Tage Jubiläum im Kardinal-von-Galen-Park

Am 19. und 20. September 2026 soll nun gefeiert werden. Seit fast einem Jahr laufen bereits die Vorbereitungen.

Am Samstag beginnt das Programm um 14 Uhr mit einem Treffen Halterner Musikzüge. Unter dem Motto „Haltern für Haltern“ treten verschiedene Gruppen aus der Stadt und den Ortsteilen auf.

Am Abend folgt die eigentliche Jubiläumsfeier im Festzelt. Das Haltern Soundorchester und zwei DJs sorgen für die Musik. Dazu gibt es einen Imbiss, Getränkestände und auch ein kleines Karussell für die jüngeren Besucher.

Der Sonntag steht dann ganz im Zeichen der Fanfarenmusik. Das jährliche Treffen der Interessengemeinschaft der Fanfarenzüge Nordrhein-Westfalen findet diesmal in Haltern statt.

Sieben Fanfarenzüge werden erwartet. Gegen 11 Uhr marschieren sie sternförmig zum Marktplatz. Dort spielen rund 150 Musiker gemeinsam fünf Stücke.

Danach geht es zusammen durch die Stadt zum Festzelt im Kardinal-von-Galen-Park, wo die einzelnen Fanfarenzüge noch einmal ihr eigenes Programm präsentieren.

Beim Jubiläum werden auch einige frühere aktive Mitglieder wieder zur Fanfare oder Trommel greifen. Der Verein hatte seine passiven Mitglieder angeschrieben und gefragt, wer zum 70. Geburtstag noch einmal mitmarschieren möchte. Über 10 ehemalige Aktive sagten zu.

Damit könnten beim Jubiläum bis zu 50 Halterner Landsknechte gemeinsam durch die Stadt ziehen. Man darf sich auf eine einzigartige „Halterner Soundkulisse“ freuen.

New York, Köln oder Düsseldorf mögen große Namen sein. Doch wenn die Fanfaren über die Rekumer Straße in Richtung Innenstadt marschieren und sich die ersten Passanten umdrehen, dann ist das für Musiker einfach etwas anderes.

„Ich fahre überall hin. Ich fahre nach Köln, ich fahre nach Düsseldorf. Aber das sind für mich immer die Highlights, wenn du wirklich in Haltern, in deiner Heimatstadt, über die Straße gehst und da reinmarschierst.“

Dann folgt ein Satz, bei dem in der Interviewrunde eigentlich nichts mehr hinzuzufügen war:

„Haltern ist sowieso am schönsten.“

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