CARLA COMMODORE schreibt über das echte Leben zwischen Kinderzimmer, Chaos und klaren Gedanken. Über Muttersein, Teenager, Alltag und alles, was dazwischen laut, leise oder komplett danebenläuft.
Ferien. Früher war das eine Mischung aus Bewegung, draußen sein, Eis auf T-Shirts, Sonne im Gesicht, und irgendwo unterwegs zu sein, fernab der prüfenden Blicke aus der Erwachsenenwelt. Heute sind Ferien… anders.
Heute sind sie eine Art Feldstudie.
Mein Untersuchungsobjekt: ein Vorpubertier, elf Jahre und ein paar Monate alt, mitten in einer Phase, in der offenbar neue Extremsportarten entstehen.
Aktuell: die kombinierte Bett-und-Bad-Challenge.
Die Regeln scheinen einfach und streng zugleich.
Man rotiert zwischen zwei zentralen Lebensräumen, dem eigenen Bett und dem Badezimmer, nicht zu vergessen, man reduziert die Außenwelt auf ein Minimum. Im Bett findet, nach ersten Erkenntnissen meinerseits, der Hauptteil statt. Dort liegt sie, eingewachsen in einen Schlafanzug, der inzwischen eher als zweite Haut durchgeht, die Haare stehen in alle Richtungen, als hätten sie sich kollektiv gegen jede Form von Ordnung entschieden. Um sie herum, ein fein austariertes System aus, Telefon, Literatur zum Anfassen, Hörbüchern und Endgeräten. Geräusche, Stimmen, Geschichten, alles fließt ineinander, während sie irgendwo dazwischen liegt und Löcher in die Luft starrt. Gelegentlich erfolgt ein fast mühselig zu beobachtender Locationwechsel. Warum genau, bleibt unklar: Vielleicht ein neues Bühnenbild, vielleicht Teil der Challenge, vielleicht einfach ein anderer Ort, um weiterhin nichts Konkretes zu tun, nur eben mit Fliesen an der Wand.
Kommunikation ist… reduziert.
Aus dem Off kommen Sätze wie:
„Kann ich was essen?“
„Ich brauche einen neuen Tee.“
„Hast du die Chips gesehen und wo ist die Katze?"
Meine Rolle ist eindeutig. Ich bin die Versorgungsstation zwischen Bett und Bad.
Ich reiche Essen, bringe Getränke. Ich bewege mich leise durch diese beiden Umlaufbahnen, während das Teeniegirl selbst irgendwo zwischen hysterisch klingenden Telefongesprächen, Hörspielwelt, Halbschlaf und gedanklichen Paralleluniversen umherdriftet.
Gespräche?
Optional.
Manchmal ein Nicken.
Manchmal ein Murmeln.
Manchmal gar nichts, weil gerade etwas sehr Wichtiges passiert, in einem Hörbuch, in einem Gedanken oder in dieser stillen, eigenartigen Zwischenwelt.
Und ich stehe dazwischen, manchmal im Flur, manchmal woanders, aber zumeist mit irgendeinem Teller in der Hand. Jetzt frage ich mich kurz, wann genau der Alltag beschlossen hat mich umzuschulen, von der allwissenden Mittelpunkt-Mutter zur Kantinenkraft mit Forschungsauftrag!? Es ist diese merkwürdige Phase, in der man plötzlich im luftleeren Raum hängt. Jahrelang war man alles: Spielpartnerin, Vorleserin, Trösterin, Organisatorin eines ganzen kleinen Universums. Und jetzt kreist dieses fast zwölfjährige Wesen in seiner eigenen Bahn, zwischen Bett und Bad und braucht einen… offensichtlich, aber anders. Als jemand, der Essen bringt, der WLAN-Passwörter kennt. der weiß, wo die sauberen Socken sind (wenn sie überhaupt zum Einsatz kommen). Und der ab und zu überprüft, ob die Challenge noch läuft oder ob sich das Kind inzwischen wieder in ein ansprechbares Wesen zurückverwandelt hat.
Spoiler: Vermutlich nicht vor Ende der Ferien!
Es ist absurd.
Es ist komisch.
Und ja, es ist auch ein bisschen rührend. Denn irgendwo unter dem Schlafanzug, unter den wilden Haaren und den Kopfhörern ist sie noch da, diese vertraute Version meines Kindes, das kleine Herz außerhalb meines Körpers. Nur scheint sie gerade sehr beschäftigt damit, herauszufinden, wer sie eigentlich wird. Und während ich wieder mit einem Teller durch den Flur jongliere, wahlweise Richtung Bett oder Bad, man weiß es nie so genau, denke ich:
Ferien sind vielleicht nicht mehr das, was sie einmal waren. Oder doch!?
Habt alle einen wunderbaren Sommer!
© Carla Commodore, 2026
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