Zwischen Römermuseum und Römertor gräbt Archäologin Bettina Tremmel mit Studenten nach neuen Spuren der Römer. Ein rätselhafter Gebäudegrundriss, Keller, Spielsteine und zahlreiche Alltagsfunde erzählen dabei immer neue Geschichten aus dem römischen Haltern, was einst das legendäre Aliso gewesen sein könnte.
Wer über das Grabungsfeld hinter dem LWL-Römermuseum blickt, sieht zunächst vor allem Sand. Hellen, fast gelben Halterner Sand – durchzogen von dunklen Verfärbungen, markiert mit kleinen Schildern und teilweise mühevoll millimetergenau freigelegt. Für den Laien sind es braune Flecken im Boden. Für Archäologin Bettina Tremmel erzählen die Verfärbungen Geschichten aus längst vergangenen Tagen: Es könnten Wände, Pfosten, Gruben oder Keller sein, die vor rund 2000 Jahren zum römischen Lager gehörten.
Aktuell gräbt Tremmel mit Studenten auf dem Areal zwischen Römermuseum und Römertor. Und obwohl hier seit mehr als 100 Jahren geforscht wird, gibt der Boden noch immer Neues preis.

Ein Haus – aber wer hat darin gewohnt?
Bereits bei einer Grabung 2024 stießen die Archäologen in der Nähe auf schmale, langgezogene Verfärbungen im Boden. Es handelte sich um Pfostengräben eines Holzfachwerkgebäudes. Weitere Grabungen machten den Grundriss Stück für Stück sichtbar.
Inzwischen lassen sich drei Seiten des Gebäudes bestimmen. Auch Innenwände, ein Eingangsbereich mit Flur und einzelne Räume zeichnen sich im Boden ab. Trotzdem bleibt eine entscheidende Frage bislang unbeantwortet: Was genau stand hier?
„Wir können vieles ausschließen, aber trotzdem nicht sagen, was es ist oder wer hier wohnte“, sagt Tremmel. Ein Lazarett war es nicht, ebenso wenig ein Getreidespeicher. Hier hat wahrscheinlich eine bedeutende Person gewohnt. Man vermutet das Haus des Legionskommandanten, eines Tribunen oder eines Centurios.
Der Grundriss spricht für ein größeres Wohngebäude. Bemerkenswert ist dabei seine Lage am Rand des Lagers. Angehörige der eigentlichen Legionsführung waren eher im Zentrum untergebracht. Denkbar ist deshalb ebenfalls, dass hier jemand wohnte, der von außerhalb kam – möglicherweise ein Militärangehöriger einer anderen Einheit oder eine Person aus der römischen Zivilverwaltung. Sicher kann das heute niemand mehr sagen.
Weitere Hinweise liefert ein rund fünf mal drei Meter großer, mit Holz verschalter Erdkeller. Solche Keller waren quasi antike Kühlschränke, sorgten für gleichbleibende Temperaturen und eigneten sich damit besonders zur Lagerung von Lebensmitteln.
Als das Lager „wie Zunder“ brannte
Spannend ist auch der Untergang des Gebäudes. Als die Römer das Lager aufgaben, wurden die Bauten offenbar gezielt verbrannt. Die mit Holzschindeln gedeckten Gebäude dürften dabei schnell Feuer gefangen haben. „Das ganze Lager hat gebrannt wie Zunder“, beschreibt Tremmel das Szenario.
Der Brandschutt blieb anschließend nicht einfach liegen. Keller und Gruben wurden damit verfüllt und das Gelände eingeebnet. Dahinter könnten neben praktischen auch religiöse Vorstellungen gestanden haben. Ein aufgegebenes Lager sollte nicht einfach der gegnerischen Seite überlassen werden. Die Römer machten es bewusst dem Erdboden gleich und wollten so wenig Spuren wie möglich hinterlassen.
Für die Archäologen ist genau dieser Vorgang heute ein Glücksfall. Denn in den verfüllten Gruben blieben zahlreiche Gegenstände erhalten: Keramik, Münzen, Nägel, Reste einer Weinamphore oder auch Spielsteine, die dem Zeitvertreib im Lageralltag dienten.
Die weißen und schwarzen Steine aus undurchsichtigem Glas gehörten zu römischen Brettspielen. Wie genau gespielt wurde, lässt sich heute nicht immer bestimmen. Spiele ähnlich Mühle oder Backgammon sind aus römischer Zeit bekannt. Und gespielt wurde offenbar nicht nur zum Spaß. Museumsleiter Josef Mühlenbrock verweist darauf, dass Glücksspiel bei den Römern zwar offiziell verboten war, dennoch aber durchaus um Geld gezockt wurde.

Werkzeuge im Stoffbeutel
Zu den bemerkenswertesten Funden aus dem Areal gehören außerdem drei rund 2000 Jahre alte Kombinationswerkzeuge. Zwei Doppeläxte und eine Hacke lagen zusammen in einer Grube. An ihnen konnten sogar noch Stoffreste nachgewiesen werden. Offenbar waren die Werkzeuge ohne Schäfte in einem Stoffbeutel verpackt worden.
Besonders erstaunlich: Die Stücke zeigen nach Angaben des Museums keine Gebrauchsspuren. Warum jemand wertvolles und offenbar neues Werkzeug zurückließ, ist ungeklärt.
All diese Funde stammen aus einer Zeit, die für die heutige Seestadt von besonderer Bedeutung ist. Die Römer kamen um 12 vor Christus nach Westfalen. Nach der Varusschlacht im Jahr 9 nach Christus flohen Überlebende laut antiken Quellen in ein Lager namens Aliso. Nach Mühlenbrock verdichten sich die Indizien, dass dieses Aliso mit dem römischen Lager in Haltern identisch sein könnte. Endgültig bewiesen ist dies jedoch weiterhin nicht.

Ein römischer „Kochpott“ kehrt zurück
Nicht jeder bedeutende Fund kommt heute bei einer Grabung ans Licht. Das zeigt eine außergewöhnlich gut erhaltene bronzene Schöpfkelle, die inzwischen im Römermuseum ausgestellt wird.
Mühlenbrock nennt das Gefäß zunächst ganz unspektakulär einen „Kochpott“. Seine Geschichte ist allerdings bemerkenswert. Gefunden wurde die Kasserolle vor längerer Zeit im Garten einer Frau nördlich des Römerlagers. Ihr Vater hatte sie dort zufällig bei der Gartenarbeit entdeckt. Über den Halterner Schornsteinfeger und Hobby-Schatzsucher Peter Riddermann gelangte das Stück schließlich zum Museum.
Eine Untersuchung bestätigte nach Angaben Mühlenbrocks, dass die Schöpfkelle (Kasserolle) tatsächlich aus dem römischen Lager in Haltern stammt. Das Museum konnte sie erwerben und damit dafür sorgen, dass der Fund in Haltern bleibt und nicht beispielsweise über Online-Händler in private Sammlungen verschwindet.
Verwendet wurden solche Gefäße ausgesprochen vielseitig. Die Soldaten bereiteten darin beispielsweise Getreidebrei zu, konnten damit aber auch Flüssigkeiten wie Wasser oder Wein aus Amphoren schöpfen. Gekocht wurde damals nicht in einer zentralen Großküche: Die einzelnen Zeltgemeinschaften versorgten sich selbst und bereiteten ihre Mahlzeiten am Feuer zu.
Gemeinsam mit den Werkzeugen und Spielsteinen ist die Kasserolle inzwischen in drei neuen Vitrinen des Museums zu sehen.

Aus Verfärbungen wird Geschichte
Zurück zum Grabungsfeld: Dort sind es weiterhin unscheinbare Spuren, die Bettina Tremmel beschäftigen. Es sind noch viele dunkle Flächen, die ihr Geheimnis noch nicht ganz preisgegeben haben. Waren es Gruben, Pfosten oder Wände? „Organisches Material hat in den Halterner Sandböden kaum eine Chance, zwei Jahrtausende zu überstehen. Umso wichtiger sind die Verfärbungen, die den Blick in die Vergangenheit maßgeblich ermöglichen“, erklärt die Archäologin Tremmel.
Einige gerade freigelegte großflächigere Verfärbungen könnten möglicherweise sogar mit Latrinen zusammenhängen. Doch auch hier bleibt Tremmel vorsichtig: Beweisen lässt sich das bislang nicht. Nicht jeder Fund liefert sofort eine Antwort. Mit jeder freigelegten Wand, jeder Scherbe und jedem Stück Metall kommt aber ein weiteres Puzzleteil hinzu.
Autor: Frank Schürmann
Diese Geschichte stammt aus der September-Ausgabe 2026 der Lokallust Haltern. Weitere Geschichten lesen Sie in der Lokallust-Haltern-Übersicht.

