StartWirtschaftPflegereform: Arte Clean warnt vor Jobverlusten in Haltern

Pflegereform: Arte Clean warnt vor Jobverlusten in Haltern

Die geplante Pflegereform in Haltern könnte nach Einschätzung von Arte-Clean-Geschäftsführer Karsten Kalinowski bis zu 70 Arbeitsplätze gefährden. Für seinen eigenen Betrieb rechnet er mit möglichen Umsatzausfällen von rund 380.000 Euro jährlich. Unter dem Motto „Pflege braucht Zugang“ rufen er und Hauswirtschaftsleiterin Natalie Firmenich-Düssel zu einer Demo auf dem Marktplatz auf.

Im Mittelpunkt stehen hauswirtschaftliche Unterstützung, Betreuung und Tagespflege. Kalinowski befürchtet, dass ambulante Pflegedienste und Tagespflegeeinrichtungen durch die geplante Neuordnung einen wichtigen Abrechnungsweg verlieren. Seine Forderung: Auch diese Anbieter sollen weiterhin Zugang zum vorgesehenen Sozialraumbudget erhalten.

Demo am 5. November auf dem Halterner Marktplatz

Im neuen Video kündigen Kalinowski und Natalie Firmenich-Düssel die Halterner Demonstration für Donnerstag, 5. November 2026, ab 13 Uhr auf dem Marktplatz an. Sie wenden sich unter anderem an pflegende Angehörige, Kunden von Pflegediensten und ältere Menschen.

Beim Laden des Videos werden Daten an YouTube/Google übermittelt.

380.000 Euro möglicher Umsatzverlust bei Arte Clean

Sollte Arte Clean die bisherigen Leistungen nicht mehr wie bisher abrechnen können, erwartet Kalinowski im ambulanten Bereich rund 300.000 Euro weniger Umsatz pro Jahr. Für die Tagespflege beziffert er mögliche Einbußen auf weitere 80.000 Euro. Insgesamt geht es nach seiner Rechnung um rund 380.000 Euro jährlich.

Hauswirtschaftliche Unterstützung und Alltagshilfe bilden bei Arte Clean eine eigene Abteilung. Wenn die Finanzierung wegbricht und die Leistungen nicht mehr wirtschaftlich erbracht werden können, müsste er diesen Bereich im schlimmsten Fall schließen, erklärt Kalinowski.

  • Arte Clean: Nach Kalinowskis Einschätzung wären zunächst etwa elf bis zwölf Mitarbeiter betroffen.
  • Haltern insgesamt: Er schätzt die Zahl gefährdeter Arbeitsplätze auf 50 bis 70.
  • Betroffene Bereiche: Vor allem Hauswirtschaft und Betreuung; nach seiner Einschätzung arbeiten dort zu rund 90 Prozent Frauen.

Die Angaben beschreiben mögliche Folgen aus Sicht des Unternehmers. Es handelt sich nicht um bereits beschlossene Stellenstreichungen oder eine amtliche Prognose. Über die Sorge um die Alltagshilfe und die Abrechnungsmöglichkeiten hatte Haltern-Online bereits im Hintergrundbericht zur Pflegereform mit dem ausführlichen Interview berichtet.

Pflegereform in Haltern: Was sich beim Budget ändern soll

Das Bundeskabinett hat den Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes am 30. September 2026 beschlossen. Die erste Beratung im Bundestag ist für den 5. November angekündigt. Das Gesetzgebungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen; die vorgeschlagenen Änderungen gelten noch nicht.

An die Stelle des bisherigen Entlastungsbetrags von bis zu 131 Euro monatlich soll ab Pflegegrad 2 ein Sozialraumbudget treten. Vorgesehen sind bis zu 175 Euro monatlich, für Pflegebedürftige unter 25 Jahren bis zu 300 Euro. Es soll anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag finanzieren. Professionelle Leistungen sollen stärker über andere Budgets abgerechnet werden.

Die Bundesregierung begründet die Neuordnung mit einer stabileren Finanzierung, übersichtlicheren Leistungen sowie mehr Prävention und Unterstützung für pflegende Familien. Kalinowski kritisiert dagegen, dass bewährte Anbieter den Zugang zu einem wichtigen Budget verlieren könnten.

Versorgung und Arbeitsplätze hängen zusammen

Als Kalinowski den Betrieb vor sieben Jahren übernahm, beschäftigte Arte Clean nach seinen Angaben 28 Mitarbeiter. Inzwischen seien es knapp 70. Jedes Jahr bilde das Unternehmen außerdem zwei bis vier Menschen aus. Kalinowski verweist darauf, dass wegfallende Stellen auch Einkommen, Kaufkraft sowie Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen kosten würden.

Die Warnung reicht über Haltern hinaus. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste sieht bundesweit mehr als 50.000 Jobs gefährdet. Kalinowski verweist zudem auf eine Umfrage des Landesverbandes freie ambulante Krankenpflege in Nordrhein-Westfalen, nach der bei den befragten Mitgliedsbetrieben rund 23.000 Stellen auf der Kippe stehen könnten. Auch diese Größenordnungen sind Verbandsangaben und Einschätzungen, keine amtlichen Prognosen.

Zusätzliche Unternehmen bedeuten zusätzliche Verwaltung

Kalinowski berichtet, dass Pflegedienste über die Gründung eigener Betreuungsdienste nachdenken. Hintergrund seien die unterschiedlichen Zulassungs- und Abrechnungswege. Ein separates Unternehmen bringe weitere Aufgaben für Buchhaltung, Lohnabrechnung, Steuern und Verwaltung mit sich. Auch Fahrzeuge und Inventar müssten organisatorisch getrennt werden.

Zur Veranschaulichung rechnet er mit rund 16.000 ambulanten Pflegediensten in Deutschland: Würde nur die Hälfte einen zusätzlichen Betreuungsdienst gründen, wären das rechnerisch 8.000 neue Unternehmen. Aus seiner Sicht entstünden dadurch Doppelstrukturen und Kosten, die ebenfalls finanziert werden müssten.

Alltagshilfe und Tagespflege entlasten Angehörige

Bei Arte Clean nutzen nach Angaben des Unternehmens rund 60 Menschen im Laufe einer Woche die 16 Plätze der Tagespflege. Mehr als 200 Kunden nehmen hauswirtschaftliche Leistungen in Anspruch. Die Angebote seien eng mit der ambulanten Pflege verbunden.

Hauswirtschaft sei dabei mehr als Putzen oder Einkaufen, betont Kalinowski. Mitarbeiter kennen ihre Kunden oft seit langer Zeit. Sie können Veränderungen bemerken und den Pflegedienst informieren. Saubere und hygienische Räume erleichtern zudem die Arbeit der Pflegekräfte.

Die Tagespflege entlastet Angehörige, die dadurch auch weiterhin ihrem Beruf nachgehen können. Ein im Gespräch geschilderter Fall macht das Zusammenspiel deutlich: Eine pflegebedürftige Frau wird mehrmals täglich vom ambulanten Dienst versorgt und besucht zweimal wöchentlich die Tagespflege. Ohne diese Kombination müsste ihr Ehemann nach seiner Einschätzung möglicherweise einen Heimplatz suchen.

Kalinowski befürchtet deshalb Folgekosten für Angehörige und Kommunen, wenn bestehende Hilfen wegfallen. Mit „Pflege braucht Zugang“ fordert er, ambulante Pflegedienste und Tagespflegeeinrichtungen beim Sozialraumbudget weiter zu berücksichtigen.

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