Milchbauer Matthias Schulte-Althoff führt seit drei Jahren den Hof seiner Vorfahren in Flaesheim. Zwischen Stall, Weide und Hofmolkerei erzählt er, warum er genau dort bleiben will, wo seine Familie seit Generationen arbeitet.
Ein Alltag, der um fünf beginnt
Es ist kurz vor sechs Uhr morgens, und über Flaesheim liegt noch Ruhe. Die Straßen sind leer, die Fenster der Häuser dunkel, irgendwo ruft ein Vogel. An einigen Stellen im Ort hat der Tag längst begonnen, so auch im Stall von Matthias Schulte-Althoff. Um fünf Uhr klingelt bei ihm der Wecker. Jeden Tag.
„Auch an Weihnachten, auch an Neujahr. Ein Urlaub, in dem man einfach mal nicht aufstehen muss, gibt es bei uns nicht“, sagt er. Es klingt nicht wie eine Klage, sondern wie etwas, das zu seinem Alltag gehört. Die Kühe warten nicht. Also steht er auf.
Ganz ohne Pause geht es trotzdem nicht. Hin und wieder schafft es die Familie, für ein paar Tage wegzufahren. Möglich macht das vor allem ein eingespieltes Team, auf das sich Matthias verlassen kann. „Kriegen wir hin. Gutes Team“, sagt er, fast wie ein kleines Motto. Ohne die Mitarbeiter könnte er die Stalltür kaum für mehrere Tage hinter sich schließen.
Um halb sechs geht es im Stall los. „Nach dem Melken frühstücken wir dann alle zusammen, die ganze Mannschaft“, erzählt Matthias. „Ohne die Kühe, wohlgemerkt“, fügt er lachend hinzu. Am Tisch sitzt, wenn es die Zeit erlaubt, auch seine Frau Carina Schulte-Althoff. Sie arbeitet nicht auf dem Hof, sondern geht einem eigenen Beruf nach. Das Leben zwischen Stall und Familie trägt sie dennoch mit.
Die beiden kleinen Töchter wachsen zwischen Wohnhaus und Weide auf, in einem Alltag, der sich nicht allein nach Uhrzeiten richtet, sondern vor allem nach den Tieren. Gegen halb neun oder neun Uhr geht die Arbeit weiter: füttern, Kühe sortieren und nachschauen, welchem Tier es möglicherweise nicht gut geht.
Eine Wiege, kein Zufall
Wann war der Moment, in dem für ihn feststand, dass er Bauer werden will? Matthias muss darüber nicht lange nachdenken. „Ich glaube, das war schon immer so“, sagt er. „Das ist einem irgendwie in die Wiege gelegt, weil man jeden Tag damit aufwächst. Meine Eltern haben immer schon auf dem Betrieb gearbeitet, und ich kenne eigentlich nur Kühe.“
Einen einzelnen Moment, in dem er sich bewusst für den Hof entschieden hätte, habe es nicht gegeben. „Das ist ja ganz einfach“, erklärt er. „Entweder man merkt, dass man das gerne macht, oder man merkt irgendwann, dass man keine Lust mehr drauf hat. Und das war bei mir von Anfang an klar.“
Der Hof blickt auf eine lange Geschichte zurück. Rund 130 Jahre ist das Anwesen alt, der Bauantrag für das Bauernhaus stammt aus dem Jahr 1896. Die Vorfahren von Matthias gründeten hier den Betrieb. Generation für Generation wurde er weitergegeben, bis Matthias ihn vor drei Jahren von seinem Vater übernahm.
Was Kühe zurückgeben
Wer Matthias über den Hof reden hört, merkt schnell: Es geht ihm nicht um Romantik, sondern um die Arbeit mit den Tieren. „Wir haben viel Arbeit, aber die Kühe geben einem doch auch einiges zurück“, sagt er. „Kühe sind einfach sehr liebevolle Tiere. Die können ganz schön viel zurückgeben. Und sie hören noch zu, wenn man ihnen was erzählt. Keine Widerworte“, fügt er mit einem Grinsen hinzu.
130 Milchkühe stehen auf dem Betrieb. Zählt man die Kälber und Jungtiere bis zu einem Alter von zwei Jahren hinzu, kommt man auf mehr als 200 Tiere. Alle beim Namen zu kennen, schaffe auch Matthias nicht, gibt er offen zu. Viele Tiere erkenne er jedoch am Fell, an ihrer Statur und an der Art, wie sie sich bewegten. Manche könne er bereits aus rund 200 Metern Entfernung unterscheiden.
Eine Lieblingskuh hat er trotzdem: Emma heißt sie, und sie weidet zurzeit in Olfen. Woran erkennt man, dass es einer Kuh gutgeht? Matthias überlegt kurz. „Man entwickelt mit der Zeit einfach einen Blick dafür. Man läuft vorbei, guckt sie sich an und denkt: Irgendetwas stimmt nicht. Und meistens stimmt es dann auch.“
Von der Nähe zu den Tieren erzählt er auch, wenn es um besondere Erlebnisse im Stall geht. „Bei uns liegt eigentlich alles ganz nah beieinander, Freud und Leid“, sagt er. Da sei zum Beispiel eine Kuh gewesen, der es sehr schlecht gegangen sei und die es wider Erwarten geschafft habe. „Das ist dann immer etwas ganz Besonderes.“
Es gebe jedoch auch die andere Seite: „Wenn man morgens, gerade bei der Hitze, in den Stall kommt und da liegt auf einmal ein totes Tier, das abends noch gesund und fit war, warum auch immer, das ist dann die andere Seite der Medaille.“ Matthias spricht ruhig darüber. Dennoch werde deutlich, dass der Verlust eines Tieres für ihn nicht zum gewöhnlichen Betriebsablauf gehöre.
Verantwortung, die stolz macht
Worauf ist er besonders stolz, wenn er über seinen Hof geht? „Eigentlich auf alles“, sagt Matthias. „Wir haben eine riesige Verantwortung für Mensch, Tier und Natur, und ich glaube, dass wir dieser Verantwortung jeden Tag aufs Neue gerecht werden. Darauf, auf diese Leistung, kann man stolz sein. Eigentlich auf den ganzen Betrieb.“
Was bedeutet Tierwohl für ihn im Alltag? Auch hier bleibt er praktisch: „Je wohler sich die Kühe fühlen, umso besser geht es ihnen, und umso weniger Arbeit habe ich damit. Wenn es ihnen gutgeht, muss ich mich nicht so sehr um sie kümmern, als wenn es ihnen nicht gutgeht.“ Für Matthias hängen die Gesundheit der Tiere und die Abläufe im Betrieb unmittelbar zusammen.
Von der Kuh bis in die Flasche
Seit einigen Jahren betreibt die Familie neben dem klassischen Milchviehbetrieb eine eigene Hofmolkerei. Die Verkaufsstellen sind vielen Menschen in Haltern und Flaesheim inzwischen vertraut. Der Schritt in die Direktvermarktung hatte auch wirtschaftliche Gründe.
„Bei den Weltmarktpreisen, die wir bei den großen Molkereien haben, ist es für einen Betrieb in unserer Größe nicht immer einfach“, erklärt Matthias. „Deswegen haben wir den Schritt in die Direktvermarktung gemacht.“ Was die eigene Milch von der aus dem Supermarkt unterscheide, könne er genau beschreiben. „Sie wird nur minimal behandelt, also homogenisiert und pasteurisiert, und die Wege sind ganz kurz. Von der Kuh bis in die Flasche ist es bei uns nicht weit.“
Konservierungsstoffe kommen nicht zum Einsatz, auch nicht im Joghurt. „Der Joghurt wird rein mit Joghurtkulturen bebrütet, da kommt kein Konservierungsstoff wie auch immer rein.“ Trotzdem sei der Joghurt rund drei Wochen haltbar, berichtet Matthias. Selbst trinke er vor allem Milch. „Ich weiß, das soll man vielleicht nicht so oft sagen“, meint er und lacht, „aber ich mag sie einfach.“
Ein gutes Team
Zum Schluss des Gesprächs fällt noch einmal der Satz, den Matthias zuvor beiläufig gesagt hat: „Kriegen wir hin. Gutes Team.“ Er beschreibt einen wesentlichen Teil des Hoflebens. Dazu gehören die Familie, die seit rund 130 Jahren an diesem Ort lebt und arbeitet, seine Frau Carina, die Mitarbeiter und eine Praktikantin.
Auch die beiden Töchter wachsen mit dem Hof auf. Matthias steht jeden Morgen um fünf Uhr auf. Nicht, weil er keine andere Möglichkeit gesehen hätte, sondern weil er sich für dieses Leben entschieden hat. Er will Milchbauer sein und an dem Ort bleiben, an dem seine Familie seit Generationen arbeitet.
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Aus der Lokallust Haltern
Dieser Beitrag gehört zur Lokallust Haltern Juli 2026.

