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Wenn Sparen teuer wird: Was die GKV-Reform für Haltern bedeutet

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30 Cent mehr pro Medikament, drei Prozent weniger bei Hilfsmitteln, zehn Prozentpunkte weniger Zuschuss beim Zahnersatz und 15 Euro pro Verordnung in der häuslichen Krankenpflege. Auf dem Papier sind das kleine Zahlen. Im Alltag können sie darüber entscheiden, ob jemand eine Behandlung aufschiebt, ob ein Pflegedienst einen weiten Weg zum Patienten noch leisten kann oder ob bei einer chronischen Wunde weiterhin das Material eingesetzt wird, das medizinisch am besten passt.

Darum ging es beim jüngsten Wirtschaftsgespräch der Lokallust in Haltern am See. In den Konferenzräumen des ambulanten Pflegedienstes ArteClean saßen Zahnarzt Oliver Quinkenstein, Ralf Rottmann vom Ärzte Dienst Scharf, Hörakustikmeister Thomas Stevermüer, Roland Vreden von der Lipptor Apotheke und ArteClean-Geschäftsführer Karsten Kalinowski.

Anlass war das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Viele Regelungen greifen ab Januar 2027. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung sollen gebremst, die Beiträge stabilisiert werden. Dass ein Gesundheitssystem wirtschaftlich arbeiten muss, stellte niemand infrage. Die eigentliche Frage lautete: Was passiert, wenn an der falschen Stelle gespart wird?

Beim Zahnarzt wird aus zehn Prozent schnell viel Geld

Oliver Quinkenstein zeigt das an einem einfachen Beispiel. Beim Zahnersatz sinken die Festzuschüsse ab 2027 um zehn Prozentpunkte. Wer bislang bei einer Regelversorgung 60 Prozent Zuschuss bekam, startet künftig bei 50 Prozent. Die Härtefallregelung bleibt bestehen.

Bei einer angenommenen Regelversorgung von 1.000 Euro bedeutet das: Statt 600 Euro übernimmt die Kasse künftig 500 Euro. Der Eigenanteil steigt von 400 auf 500 Euro.

Hundert Euro Unterschied sind für den einen verkraftbar, für den anderen nicht. Viele Menschen gehen ohnehin nicht gern zum Zahnarzt. Wenn sie zusätzlich mit höheren Kosten rechnen, könnte die Versuchung größer werden, Beschwerden erst einmal auszuhalten.

„Dann sagt man vielleicht: Es hat mal gezwickt, jetzt ist es wieder besser, ich schiebe das noch einmal“, beschreibt er eine mögliche Reaktion. Was zunächst Geld spart, kann später teurer werden. Fehlender oder zu spät eingesetzter Zahnersatz kann sich auf Kiefer, Gelenke und Muskulatur auswirken.

Quinkenstein würde deshalb eher bei Bürokratie und Vorsorge ansetzen: weniger Prüf- und Dokumentationsaufwand und stärkere Anreize für regelmäßige Kontrollen und Prophylaxe.

Oliver Quinkenstein beim Wirtschaftsgespräch zur GKV-Reform in Haltern
Oliver Quinkenstein beim Wirtschaftsgespräch zur GKV-Reform. Foto: Jacqueline De Cillia

Drei Prozent, die im Betrieb fehlen

Auch Ralf Rottmann warnt davor, Prozentzahlen kleinzurechnen. Für Hilfsmittel gelten 2027 und 2028 pauschale Abschläge von drei Prozent auf die Vertragspreise. Auf einen Jahresumsatz gerechnet, ist das schnell eine relevante Summe.

„Entweder der Patient muss mehr bezahlen oder die Qualität leidet“, sagt Rottmann. Als Beispiel nennt er die Inkontinenzversorgung. Für eine komplette Monatsversorgung bekomme ein Anbieter bei manchen Krankenkassen weniger als zwölf Euro netto. Je nach Bedarf sei das schon heute kaum wirtschaftlich abzubilden. Dabei entscheidet eine gute Versorgung mit darüber, ob Menschen ihren Alltag möglichst normal weiterleben können.

Noch deutlicher wird das bei chronischen Wunden. Für Verbandmittel und andere Produkte zur Wundbehandlung greift ab 2027 ein Preismoratorium. Heilt eine Wunde wegen schlechterer Versorgung langsamer, steigt das Risiko von Infektionen und Krankenhausaufenthalten. Aus einer Einsparung können so höhere Folgekosten entstehen.

Ralf Rottmann beim Wirtschaftsgespräch zur GKV-Reform in Haltern
Ralf Rottmann beim Wirtschaftsgespräch zur GKV-Reform. Foto: Jacqueline De Cillia

Ein Hörgerät ist nur der Anfang

Thomas Stevermüer kennt eine ähnliche Verkürzung. Wenn über Hörversorgung gesprochen wird, geht es schnell um den Preis des Geräts. Für ihn greift das zu kurz.

„Es wird immer über Hörgerätepreise gesprochen“, sagt Stevermüer. Zu einer guten Versorgung gehörten aber Hörtest, Analyse, Anpassung, Beratung, Hörtraining, Nachsorge, Service und Reparaturen.

Sinkt die Vergütung, während Personal-, Miet- und Energiekosten steigen, wächst der Druck. Eine aufzahlungsfreie Versorgung müsse trotzdem möglich bleiben. Wenn Festbeträge mit den tatsächlichen Kosten nicht Schritt hielten, könnten Menschen mit besonderen Anforderungen häufiger selbst zuzahlen müssen.

Stevermüer lenkt den Blick vor allem auf Prävention. Noch immer vergingen im Schnitt fast zehn Jahre zwischen dem Moment, in dem jemand merkt, dass er schlechter hört, und dem Besuch im Fachgeschäft. In dieser Zeit können Gespräche anstrengender werden und Betroffene sich zurückziehen. Eine frühe Versorgung könne helfen, länger aktiv und selbstständig zu bleiben.

Hier zeigt sich ein Muster des Abends: Eine Leistung kostet heute Geld, kann aber morgen andere Kosten verhindern.

Die Apotheke steht zwischen Gesetz und Kunde

Roland Vreden erlebt politische Entscheidungen dort, wo sie unmittelbar auf den Alltag treffen: am Apothekentresen.

Der Apothekenabschlag zugunsten der Krankenkassen steigt von 1,77 Euro auf 2,07 Euro je verschreibungspflichtigem Medikament. Wieder sind es nur 30 Cent. Für eine durchschnittliche Apotheke könne das nach Vredens Berechnung rund 10.000 bis 15.000 Euro weniger Betriebsergebnis im Jahr bedeuten.

Entscheidend sei die Summe aus steigenden Kosten, Lieferengpässen, Bürokratie und zusätzlichen Aufgaben.

Die Kunden werden eine andere Änderung schneller bemerken. Die allgemeinen Zuzahlungsgrenzen steigen auf mindestens 7,50 Euro und höchstens 15 Euro. Vreden erwartet viele Gespräche dazu. Apotheken seien für viele Menschen die niedrigschwelligste Stelle im Gesundheitssystem: Tür auf, Ansprechpartner da.

Fehlt ein Medikament, muss mitunter der Arzt eingeschaltet und die Therapie angepasst werden. Für einen älteren Patienten, der mit dem Rollator vor dem Tresen steht, kann das zum echten Problem werden. Vreden wünscht sich deshalb mehr Handlungsspielraum bei therapeutisch gleichwertigen Alternativen und weniger bürokratische Hürden.

Roland Vreden beim Wirtschaftsgespräch zur GKV-Reform in Haltern
Roland Vreden beim Wirtschaftsgespräch zur GKV-Reform. Foto: Jacqueline De Cillia

In der Pflege wird jeder Kilometer mitgerechnet

Karsten Kalinowski muss nicht lange überlegen, wenn es um steigende Kosten geht. Für ambulante Pflegedienste treffen höhere Löhne, Fahrzeuge, Kraftstoff, Material, Dokumentationspflichten und begrenzte Vergütungen aufeinander.

Nach seinen Angaben sind die Löhne der Pflegekräfte in seinem Unternehmen in den vergangenen vier Jahren durchschnittlich um rund 40 Prozent gestiegen. Die Budgets der Pflegekassen hätten im selben Zeitraum nur um etwa 15 Prozent zugelegt.

Mit der Reform sollen Vergütungssteigerungen in der häuslichen Krankenpflege enger an die Einnahmenentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung gekoppelt werden. Gleichzeitig gelten Vorgaben für eine tarifnahe Bezahlung.

Für Kalinowski passt das nicht zusammen. „Man kann nicht auf der einen Seite vorgeben, was wir zahlen sollen, und auf der anderen Seite sagen, dass diese Steigerungen nicht vollständig refinanziert werden.“

In einer Flächenstadt wie Haltern wird das schnell konkret. Schwieriger wird die Rechnung bei kurzen Einsätzen in weiter entfernten Ortsteilen, etwa für eine Insulinspritze, Medikamentengabe oder das An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen.

Steigt der Kostendruck weiter, könnten Pflegedienste stärker auswählen müssen, welche Touren noch machbar sind. Hinzu kommt die Zuzahlung von 15 Euro je Verordnung. Bei chronischer Wundversorgung können daraus bis zu 180 Euro im Jahr werden, wenn alle vier Wochen neu verordnet wird.

Auch hier stellt sich dieselbe Frage: Was passiert, wenn ambulante Versorgung geschwächt wird? Kalinowski befürchtet mehr Krankenhausaufenthalte oder frühere Heimaufnahmen. Was im einen Topf gespart wird, taucht womöglich im nächsten wieder auf.

GKV-Reform: Fünf Berufe, erstaunlich ähnliche Antworten

Je länger das Gespräch dauert, desto weniger wirken die fünf Bereiche wie getrennte Welten. Immer wieder geht es um Bürokratie, Prävention, Digitalisierung und Vertrauen.

Quinkenstein spricht über Dokumentationen und Prüfungen. Rottmann berichtet von zahlreichen unterschiedlichen Verträgen mit Krankenkassen und eigenen Vorgaben. Noch immer müsse in seinem Bereich teilweise mit ausgedruckten Lieferscheinen und Rezepten gearbeitet werden. Vreden beschreibt komplizierte Abrechnungs- und Kontrollmechanismen, Kalinowski Dokumentationspflichten, die längst einen erheblichen Teil der Arbeitszeit kosten.

Der gemeinsame Wunsch ist nicht, jede Kontrolle abzuschaffen. Aber Fachleute sollten dort mehr entscheiden dürfen, wo sie die Kompetenz besitzen. Prozesse müssten einfacher, einheitlicher und digitaler werden.

Vor allem aber vermissen die Teilnehmer einen stärkeren Blick auf Prävention. Eine rechtzeitige Zahnbehandlung, ein gut angepasstes Hörgerät, eine passende Inkontinenzversorgung, eine fachgerecht versorgte Wunde oder eine stabile ambulante Pflege sind zunächst Ausgaben. Im besten Fall verhindern sie größere Probleme.

Genau darin liegt der zentrale Konflikt dieses Wirtschaftsgesprächs: Ein Gesundheitssystem muss sparen können. Es muss aber auch erkennen, wann Sparen teuer wird.

Wer zahlt am Ende?

Natürlich bleibt die Gegenfrage: Wenn die Ausgaben steigen, woher soll das Geld kommen?

Höhere Beiträge belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Höhere Zuzahlungen treffen besonders Menschen, die Leistungen tatsächlich benötigen. Auch über zusätzliche Versicherungsmodelle, die Zahl der Krankenkassen, Verwaltungskosten und mehr Eigenverantwortung wird gesprochen.

Eine einfache Antwort findet die Runde nicht. Ein Punkt zieht sich jedoch durch fast alle Beiträge: Versorgung darf nicht nur danach beurteilt werden, was sie heute kostet. Entscheidend ist auch, was passiert, wenn sie nicht oder zu spät stattfindet.

Denn der Patient, der den Zahnersatz aufschiebt, die Hörminderung jahrelang ignoriert, keine passende Inkontinenzversorgung bekommt oder keinen Pflegedienst mehr findet, verschwindet nicht aus dem System. Oft kommt er später zurück – mit einem größeren Problem.

Am Ende steht deshalb eine Prüfung, die ab 2027 im Alltag beginnt. Stabilisiert die Reform tatsächlich die gesetzliche Krankenversicherung? Oder verschiebt sie Kosten von der Krankenkasse zum Patienten, vom ambulanten Bereich ins Krankenhaus und von heute auf morgen?

Ganz zum Schluss fällt der Vorschlag, dieses Gespräch in einem Jahr noch einmal zu führen. Dann werden aus Prozentwerten Erfahrungen geworden sein. Und es wird sich zeigen, ob die kleinen Zahlen auf dem Papier tatsächlich klein geblieben sind.

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