Gerade in Haltern am See und Dorsten ist das Auto für viele Menschen unverzichtbar. In den Ortsteilen sind Bus und Bahn nicht immer eine passende Alternative. Hohe Spritpreise werden deshalb schnell zu einer sozialen und wirtschaftlichen Belastung.
Doch wie setzt sich der Preis an der Zapfsäule zusammen? Welchen Einfluss hat eine Tankstelle vor Ort überhaupt? Und was bleibt der Raiffeisen tatsächlich von einem Liter Benzin oder Diesel? Darüber sprechen wir mit Günter Hessing, geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der Raiffeisen REGIO eG. Dabei geht es auch um die Folgen für Landwirtschaft, Handwerk und andere Betriebe sowie um die Frage, was die Politik jetzt tun muss.
Hohe Spritpreise belasten die Region
Die Preise an den Tankstellen sorgen bei vielen Menschen für Ärger und Verunsicherung. Besonders Pendler, Handwerksbetriebe, Pflegedienste und Landwirte sind auf ihre Fahrzeuge angewiesen. Doch wie entstehen die Preise und welchen Einfluss hat eine Tankstelle vor Ort
Herr Hessing, wie ernst ist die aktuelle Lage?
Für Vielfahrer, Transportunternehmen und besonders für die Landwirtschaft sei die Situation mehr als bitter, sagt Hessing. „Die zusätzlichen Kosten lassen sich so schnell gar nicht wieder hereinholen.“ Als wichtige Gründe für die hohen Preise nennt er die internationalen Konflikte sowie den CO₂ Preis.
Viele Menschen wundern sich darüber, dass sich die Preise an den Tankstellen innerhalb kurzer Zeit verändern. Wie entstehen diese Schwankungen?
Die Möglichkeiten der Tankstellen seien inzwischen klar geregelt. „Der Preis kann nur noch um 12 Uhr erhöht und danach lediglich gesenkt werden“, erklärt Hessing. Dadurch sei es für die Tankstellen schwieriger geworden, auf Veränderungen zu reagieren. Einen echten Vorteil für den Verbraucher sieht er darin nicht.
Die einzelne Tankstelle habe auf den angezeigten Preis ohnehin kaum Einfluss. „Im Regelfall kann die Tankstelle vor Ort nicht selbst über die Preise am Mast entscheiden.“

Wie viel verdient eine Tankstelle an einem Liter Benzin oder Diesel?
Das hänge stark davon ab, ob eine Tankstelle gepachtet sei oder dem Betreiber selbst gehöre. „Wir sind Eigentümer unserer Tankstelle. Bei einer vollständigen Kostenrechnung bleiben uns im Durchschnitt etwa drei Cent pro Liter“, sagt Hessing.
Dass steigende Rohölpreise von den Tankstellen sofort weitergegeben würden, sinkende Preise aber erst verspätet ankämen, weist er zurück. „Was die Tankstellen und ihre Einkaufspreise betrifft, ist dieser Eindruck falsch. Bei den Ölkonzernen kann das anders aussehen.“
Aus Sicht der Verbraucher und der Tankstellen seien die derzeitigen Preise nicht gerechtfertigt. Hessing formuliert es deutlich: „Aus Sicht der Ölkonzerne vermutlich schon.“
Wer leidet besonders unter den hohen Kraftstoffpreisen?
Hessing sieht die größten Belastungen nicht allein beim privaten Autofahrer. Besonders hart treffe es den Transportverkehr und die Landwirtschaft, weil dort wesentlich größere Mengen Kraftstoff benötigt würden. „Am Ende trifft das alles das Portemonnaie der Bürger.“
Pendlern könne man in dieser Situation kaum einen hilfreichen Rat geben. „Schlaue Sprüche bringen hier niemanden weiter.“ Besonders für Menschen mit einem niedrigen Einkommen werde bezahlbare Mobilität zu einer sozialen Frage. „Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden.“
Seine persönliche Grenze sieht Hessing bei einem Preis von rund zwei Euro pro Liter. „Das lässt sich natürlich nicht pauschal für jeden beantworten. Mein Bauchgefühl sagt aber, dass Tanken ab zwei Euro für viele Menschen zum Luxus wird.“
Verändert sich das Verhalten der Kunden bereits?
Die Raiffeisen beobachte, dass häufiger kleinere Beträge getankt würden. Viele Kunden hofften darauf, dass der Kraftstoff am nächsten Tag wieder günstiger sei. Auch Fahrten würden teilweise eingespart. Die Möglichkeiten seien jedoch begrenzt. „Wer fährt heute schon einfach nur zum Spaß durch die Gegend?“
Betriebe könnten ebenfalls nicht dauerhaft auf notwendige Fahrten verzichten. Handwerker, Pflegedienste und Lieferanten müssten versuchen, die höheren Kosten schnell weiterzugeben. „Sie müssen das tun, damit sie auch morgen noch für ihre Kunden da sein können.“
Was bedeuten die hohen Dieselpreise für die Landwirtschaft?
Landwirte könnten ihre gestiegenen Kosten nicht einfach auf die Verkaufspreise aufschlagen. Viele landwirtschaftliche Erzeugnisse würden zu Preisen gehandelt, die vom Weltmarkt bestimmt seien. Gleichzeitig ließen sich notwendige Arbeiten nicht verschieben.
„Die Jahreszeiten geben vor, wann geerntet oder auf dem Feld gearbeitet werden muss. Der Dieselpreis spielt bei dieser Entscheidung keine Rolle“, erklärt Hessing. Die Folgen seien längst auch im Handel angekommen. Verbraucher müssten nicht erst mit höheren Preisen rechnen. „Die Preissteigerungen sind bereits da.“
Wer trägt am Ende die größte Last?
Für Hessing ist die Antwort eindeutig: „Der Kunde, der Unternehmer und der Landwirt tragen die größte Last.“ Die Tankstelle sei vor allem ein Puffer, der die Preise der Ölkonzerne mit vergleichsweise kleinen Spannen weitergebe.
Die steigenden Kraftstoffkosten hätten bereits viele Bereiche der Wirtschaft erreicht. „Wir sind auf dieser Preiswelle schon angekommen, vielleicht noch nicht in ihrem vollen Umfang.“
Muss die Politik die Menschen stärker entlasten?
Hessing kritisiert, dass der Staat durch die Mehrwertsteuer bei steigenden Preisen zusätzliche Einnahmen erzielt. Zunächst müssten aus seiner Sicht auch die Gewinne der großen Ölkonzerne genauer betrachtet werden. Gleichzeitig dürfe der Staat von der aktuellen Entwicklung nicht zusätzlich profitieren.
Von kurzfristigen Einzelmaßnahmen hält er wenig. Er fordert langfristige und verständliche Lösungen. Auf europäischer Ebene wünscht er sich einheitliche Steuern und Abgaben auf Energieträger.
Sind Elektrofahrzeuge bereits eine echte Alternative?
Auf lange Sicht könnten alternative Kraftstoffe und Elektrofahrzeuge eine wichtige Rolle spielen, sagt Hessing. Dafür seien aber noch viel Zeit, Geld und eine bessere Infrastruktur notwendig.
„Für die Landwirtschaft und den Schwertransport ist Elektromobilität heute noch keine echte Alternative.“ Auch in Städten gebe es Probleme. Dort fehlten häufig ausreichende Lademöglichkeiten.
Was fordert die Raiffeisen von der Politik?
Hessing wünscht sich klare Konzepte, verlässliche Wege und mehr Planungssicherheit. „Wir brauchen Lösungen, die von Anfang bis Ende durchdacht sind. Eine Salamitaktik hilft niemandem.“
Seine Botschaft an die Verantwortlichen in Berlin fällt entsprechend deutlich aus: „Immer mehr Geld und immer neue Schulden sind kein Plan und auch keine Lösung.“

