„Papa, mit dir kann man richtig gut reden“
Bei Michael Keller darf der Kaffee schon einmal kalt werden. Nicht, weil er ihn nicht mag. Doch wenn ein Gespräch interessant wird, gerät die Tasse schnell in Vergessenheit. „Dann steht der Kaffee irgendwann da und ist kalt. Und kalten Kaffee mag ich überhaupt nicht“, sagt er und lacht.
Michael Keller beschreibt sich selbst als ruhig und ausgeglichen. Das passt. Er hört aufmerksam zu, nimmt sich Zeit und wirkt angenehm gelassen. Diese Ruhe gehört nicht nur zu seiner Persönlichkeit. Sie ist auch ein wichtiger Teil seiner Arbeit.
Dabei begann sein Berufsleben in einer ganz anderen Welt. Michael arbeitete zunächst im Sanitär und Heizungsgroßhandel sowie bei einem Installateur in Haltern am See. Doch der kaufmännische Alltag war auf Dauer nicht das Richtige für ihn.
„Ich habe irgendwann gemerkt, dass mich dieser Beruf nicht glücklich macht.“ Im Jahr 2014 wagte er deshalb einen Neustart und machte eine Umschulung zum Erzieher. Eine leichte Entscheidung war das nicht. Schließlich hatte er eine Familie und zwei Kinder.
„Einige haben gesagt: Um Gottes willen, jetzt noch einmal wechseln? Andere meinten sofort: Das passt genau zu dir.“ Michael selbst stellte sich damals eine einfache Frage: Wer ist wirklich glücklich in seinem Beruf? Seine Antwort war klar: „Ich möchte es sein.“
Während seiner Ausbildung sammelte er Erfahrungen in der Kinder und Jugendpsychiatrie. Die Arbeit dort veränderte auch seinen Blick auf die eigene Familie. „Wenn man mit schweren Schicksalen in Berührung kommt, sieht man vieles anders. Ich kam nach Hause und dachte: Ihr seid die tollsten Kinder der Welt.“
Dass sich etwas verändert hatte, zeigte ihm eines Tages seine Tochter. Sie sagte: „Papa, mit dir kann man richtig gut reden.“ Als Michael wissen wollte, warum, antwortete sie: „Weil du mich ausreden lässt.“ Ein Satz, der ihm bis heute viel bedeutet.
Der Weg zu Marte Meo
Im Jahr 2016 lernte Michael Keller bei einem Vortrag von Maria Aarts in Haltern die Marte Meo Methode kennen. Der Name bedeutet sinngemäß „aus eigener Kraft“. Mithilfe kurzer Videoaufnahmen werden alltägliche Situationen betrachtet. Dabei geht es nicht darum, Fehler zu suchen. Im Mittelpunkt steht das, was bereits gelingt.
„Die Menschen möchten sich entwickeln. Sie wissen manchmal nur noch nicht, wie. Ich fülle ihren Rucksack mit den Informationen, die sie dafür brauchen“, erklärt Michael.
Er absolvierte seine Ausbildung zunächst bei Ilona Betker und wurde später von Josje Aarts und Maria Aarts persönlich weitergebildet. Heute ist er Licensed Marte Meo Supervisor. In Haltern leitet er die Marte Meo Beratungsstelle und das Ausbildungsinstitut Münsterland und Ruhrgebiet.
Seine Heimat als Standort war eine bewusste Entscheidung. „Ich bin in Haltern aufgewachsen und wollte eigentlich nie weg.“ Gleichzeitig sieht er hier einen großen Bedarf. Viele Menschen hätten jedoch Angst davor, Unterstützung anzunehmen. Dabei könne bereits ein anderer Blick auf eine Situation viel verändern.
Ein Platz in der ersten Reihe
Wie groß solche Veränderungen sein können, hat Keller bei einem autistischen Klienten erlebt, den er seit mehreren Jahren begleitet. Zu Beginn lebte dieser sehr zurückgezogen und verständigte sich überwiegend über Mimik und Gestik. Heute arbeitet er, hat eine Partnerin gefunden und sich verlobt.
„Das ist für mich eine der größten Geschichten“, sagt Michael. Inzwischen unterstützt ihn sein Klient sogar bei der Arbeit mit anderen Menschen und wird damit selbst zum Vorbild.
Einen besonders bewegenden Moment erlebten beide bei einem Fachtag in Herne. Vor mehr als 650 Fachleuten stellte Maria Aarts ihre gemeinsame Arbeit vor. Der Klient saß selbst in der ersten Reihe.
„Dass Maria unsere Arbeit vor so vielen Menschen gezeigt hat, hat mich sehr stolz gemacht. Aber dass er selbst dort saß und diesen Moment miterleben konnte, war etwas ganz Besonderes.“
Ganz abschalten kann Michael übrigens auch im Urlaub nicht. Dann beobachtet er manchmal, wie Eltern und Kinder miteinander umgehen. „Ich denke automatisch: Wie geht diese Situation wohl weiter?“ Gelegentlich würde er am liebsten ein paar hilfreiche Karten verteilen, verrät er mit einem Augenzwinkern. Meistens hält er sich aber zurück.
Einen weiteren Berufswechsel kann er sich heute nicht vorstellen. „Auf keinen Fall“, sagt er sofort. Glück bedeutet für ihn, dass Menschen einander wieder mehr zuhören und die kleinen guten Momente wahrnehmen.
„Wir sehen oft nur das Schlechte. Dabei liegen in den kleinen Dingen ganz viele Entdeckungsmöglichkeiten, Potenzial und Glück.“
Vielleicht wird bei solchen Gesprächen auch der Kaffee wieder kalt. Michael Keller dürfte das verschmerzen. Denn manchmal ist es wichtiger, einen Menschen ausreden zu lassen.
Diese Geschichte stammt aus der September-Ausgabe 2026 der Lokallust Haltern. Weitere Geschichten lesen Sie in der Lokallust-Haltern-Übersicht.

