Der Annaberg ist nicht die höchste Erhebung rund um Haltern, wohl aber die bekannteste. Seine Geschichte beginnt mit einer wundersamen Heilung, führt über Pilgerzüge und Kirchendiebstahl bis zu einem langen Streit um Einfluss und Einnahmen. Im Mittelpunkt steht eine kleine Kapelle, die sich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort entwickelte.
Der Annaberg: Eine Quelle und ein Wunder
Im Mai 1556 soll auf dem damaligen Kommeberg plötzlich eine Quelle aufgebrochen sein. Was danach geschah, wurde unterschiedlich erzählt. Mal ist von einem Hirten mit Lepra die Rede, mal von einem Kranken mit einem schweren blutigen Leiden. Beide Überlieferungen enden gleich: Der Kranke wäscht sich mit dem Wasser und wird geheilt.
Die Menschen schrieben die Heilung der Heiligen Anna zu, der Mutter Marias und Großmutter Jesu. Die Nachricht verbreitete sich. Schon bald kamen vermutlich erste Pilger auf den Berg und eine kleine Kapelle entstand.

Neubeginn nach dem Krieg
Der Dreißigjährige Krieg beendete diesen ersten Aufschwung. Die Kapelle verfiel, Wallfahrten waren kaum möglich. Erst um 1650 legten die Halterner die verwilderte Quelle wieder frei. Pfarrer Boeker sammelte Geld für eine neue Kapelle, die 1653 der Heiligen Anna gewidmet wurde.
Damit hatten die Gläubigen wieder ein Ziel. Pilger aus Bocholt, Dülmen, Buldern und anderen Orten zogen auf den Annaberg, um zu beten, Trost zu suchen oder auf Hilfe zu hoffen.
Einbruch und Ausbau
In der Nacht zum 2. Februar 1662 brach ein Täter die Tür der Kapelle mit einem Pflugmesser auf und stahl den gesamten Schmuck.
Wenige Jahre später erfuhr Christoph Bernhard von Galen, der Bischof von Münster, von der Kapelle und den Wallfahrten. Er beauftragte die Jesuiten mit der Seelsorge. Mit einer Stiftung von 1000 Talern wurde die Kapelle ab 1674 erweitert.
Der Schatz der Kapelle
Schon 1672 hatte Johann Adolph von Raesfeld, Herr auf Burg Ostendorf, eine kunstvoll geschnitzte Figur gestiftet. Sie zeigt die Heilige Anna mit Maria auf dem Schoß, die wiederum das Jesuskind trägt. Eine solche Darstellung heißt Anna Selbdritt. Die Figur wurde zum Mittelpunkt der Verehrung und befindet sich bis heute in der Kapelle.
Jesuiten gegen Haltern
1687 übertrug Fürstbischof Maximilian Heinrich von Bayern die Kapelle den Jesuiten, während die Verwaltung zunächst bei der Pfarrei Haltern blieb. Zwei Seiten waren nun für denselben Ort zuständig. Es folgte ein jahrzehntelanger Streit um Geld und Einfluss. Die Jesuiten erhielten jährlich 125 Reichstaler, die dem Halterner Pastorat fehlten. Auch die Einnahmen aus der Wallfahrt gingen an den Orden.
Zugleich bauten die Jesuiten die Bedeutung des Annabergs aus. Sie erweiterten den Chor, richteten eine jährliche Wallfahrt von Oer ein und ließen 1701 zwischen Haltern und der Kapelle einen Kreuzweg mit sieben Bildstöcken zum Leben der Heiligen Anna anlegen.
Der Schlüssel zur Schatzkammer
1714 entzog Bischof Franz Arnold der Pfarrei Haltern zunächst die Verwaltung der Kapelle und schließlich alle Rechte am Annaberg. Der Halterner Pfarrer musste sogar den Schlüssel zur Schatzkammer herausgeben. Verwaltet wurde der Wallfahrtsort nun vom Jesuitensitz in Coesfeld. Seit 1730 konnten die Pilger außerdem an Reliquien der Heiligen Anna beten, einem Geschenk des Recklinghäuser Pfarrers Schmitz.
Das Ende der Jesuitenzeit
1773 wurde der Jesuitenorden nach politischem Druck aus Frankreich, Spanien und Portugal aufgehoben. 1788 fiel die Verwaltung des Annabergs an die Pfarrei Haltern zurück. Zwei Jahre später starb der letzte Jesuitenmissionar auf dem Berg. Pfarrer Besseling konnte wieder über die Einkünfte verfügen. Bis zum Ende des Jahrhunderts richtete die Pfarrei damit eine Kaplanstelle ein.
Was mit einer Quelle und der Erzählung einer wundersamen Heilung begann, war längst ein fester Teil der Halterner Geschichte. Der Annaberg erzählt von Frömmigkeit und Hoffnung, aber auch von Geld, Einfluss und der Frage, wem ein heiliger Ort gehört.
Text: Oliver Borgwardt

