Ein Höllenhund soll einst in der Rekumer Straße in Haltern sein Unwesen getrieben haben. Frank Schürmann erzählt die Sage und blickt auf die Geschichte von Wölfen und Hunden in der Stadt.
Die Beziehung der Stadt Haltern am See zu Wölfen und Hunden – ein geschichtlicher Ausflug.
Im Laufe der Zeit haben der Hund als bester Freund des Menschen und sein genetischer Vorfahre, der Wolf, ihre Pfotenabdrücke in der Halterner Geschichte hinterlassen. In archäologischen Funden, Aufzeichnungen, Chroniken, Überlieferungen und Sagen finden sich zahlreiche Hinweise auf die heimische Beziehung des Menschen zu Hund und Wolf.
Wölfe und Wolfsplagen
Zu Zeiten, als der wilde Wolf noch durch die heimischen Wälder streifte, hatte er kaum Fürsprecher. Er galt in erster Linie als Gefahr für Leib und Leben sowie als Nahrungskonkurrent, der Schafe und andere Weidetiere riss oder sogar Menschen zerfleischte. Das Bild einer Bestie beziehungsweise des „bösen Wolfes“ prägte das damalige Verständnis des Vierbeiners.
Im Mittelalter soll sogar eine Wolfsplage zur Aufgabe eines Klosters geführt haben: Bis 1244 befand sich in der Hohen Mark nahe Lippramsdorf das Zisterzienserinnenkloster Marienborn, das schließlich nach Coesfeld verlegt wurde. Die Gründe für die Verlegung sind nicht genau geklärt. Neben der Tatsache, dass die einsame Wildnis sicherlich ein schlechter Ort für ein Kloster war, soll zudem eine Wolfsplage Angst und Schrecken verbreitet haben.
„Lasset uns beten für unsere Brüder in Beylar (Marienthal), damit sie nicht von Wölfen gefressen werden“, so soll noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Augustinerkloster in Rom gebetet worden sein. Bevor man dem Wolf möglicherweise Unrecht tut, sei darauf hingewiesen, dass der Begriff „Wolfsplage“ im Mittelalter durchaus auch als Synonym für Räuber, Raubritter und ähnliche dubiose Weggefährten stand.
Es ist bekannt, dass die Hohe Mark damals kein sicherer Ort war und Halunken, Räubern und Dieben als Zufluchtsort diente. Bei der Verlegung des Klosters soll insbesondere die verheerende Fehde mit dem rauflustigen Ritter von Meinhövel eine bedeutende Rolle gespielt haben. Somit bleibt fraglich, was letztlich der ausschlaggebende Grund für die Verlegung war.
In den Kriegswirren des 17. Jahrhunderts hatte sich der Wolf im gesamten Vest Recklinghausen stark vermehrt. Die Bauern klagten über erhebliche Verluste bei ihren Schafherden; auch Rinder wurden gerissen.
Wolfsgeheule am Hellweg
Im weiteren Verlauf der Geschichte wurde der Wolf immer wieder thematisiert. Besonders lebhaft schilderte ein Wegeschreiber im Spätwinter 1799 einen Vorfall in der Nähe von Sythen:
„Als ich mit einer Postkutsche den Hellweg zwischen Sythen und Dülmen befuhr, hörte ich in der Ferne Wolfsgeheule. Ich und die anderen Mitfahrer in der Postkutsche hatten große Angst. Denn wir kannten die Geschichten um den Wolf. Dann war es plötzlich still. Ich sah aus dem Kutschenfenster, der Mond am Himmel schien hell, er war fast weiß. Der restliche Schnee glitzerte in seiner Helligkeit. Die Heide wirkte mit den verkrüppelten Bäumen und den bizarren Schatten gespenstisch.
Das plötzliche Wiehern der Pferde und das Geschrei des Kutschers riss mich aus meinen Gedanken. Auch die anderen Fahrgäste schreckten hoch. Dann sah ich sie: Wölfe. Sie kamen von einem Hügel. Es waren zehn an der Zahl. Mit lautem Geheule und fletschenden Zähnen gingen sie auf die vier Pferde los. Der Kutscher versuchte, sie mit der Peitsche zu vertreiben. Er traf auch einige Wölfe, die dann heulend zurückwichen, aber sie griffen wieder an. Die Kutsche flog über den Hellweg.
Für die Pferde gab es kein Halten mehr. Ich und die Mitfahrer hüpften teilweise bis unter das Kutschendach. Plötzlich ein Knarren an den rechten Kutschrädern! Oh je, auch das noch. Wenn ein Rad bricht, werden die Pferde durchgehen und die Wölfe werden uns alle zerfleischen! Es waren nicht die Räder, die da knarrten, sondern das Eis in der Spurrinne barst. Dann zog einer der Mitfahrer eine Waffe. Es war ein Revolver mit einem Sechskantlauf. Ein Schuss, ein Aufheulen.
Treffer, dachte ich. Dann ließen die Wölfe ab.“
Wolfsjagden und die Frau aus Sythen
Durch Hetzjagden mit Waffen, Fangnetzen (Wolfsgarn), Wolfsangeln und das Aufstellen von Wolfsfallen (Wolfsfanggruben beziehungsweise „Wulfestuten“, unter anderem am Hellweg) wurde der Bestand schließlich kontinuierlich dezimiert.
Aus der Zeit der Wolfsjagden gibt es einige Erzählungen: Eine Frau aus Sythen befand sich auf dem Rückweg von Dülmen nach Haltern. Es zog dichter Nebel auf, und sie kam vom Weg ab. Besorgte Familienmitglieder und Nachbarn machten sich auf die Suche nach der vermissten Frau. Schließlich hörten sie Hilferufe. Dicht geschlossen und mit Knüppeln bewaffnet näherten sie sich den kläglichen Rufen. Ihnen bot sich ein erschreckendes Bild: Am Boden einer Wolfskuhle stand blass und zitternd die vermisste Frau.
Neben ihr lag ein Wolf, der ebenfalls in die Falle geraten war und mit funkelnden Augen hinaufstarrte. Die Frau wurde aus ihrer Lage befreit, und man wunderte sich, dass sich der Wolf so friedlich verhalten hatte. „He hätt mi nicks daohn“, soll die Frau gesagt haben, „bloß äs he harunnerutskede, daor knurrde he mi an“. Für den Wolf ging die Begegnung weniger glücklich aus: Sein Fell soll noch längere Zeit als Erinnerung aufbewahrt worden sein.
Wulftüter warnten vor Wölfen
Zur Sicherung der Wege wurden einst sogenannte „Wulftüter“ verpflichtet, die durch das Blasen von Hörnern die Bevölkerung vor Wölfen warnten und die Tiere vertreiben sollten:
För enen Hoff waß et am laigsten,
Dao he de Biärge lagg am naigsten;
De Mann drup moß in’t Haon dann tuten,
Wenn he de Wülfe spöerde butet,
Daomet de Lü, de nach und wieden,
Sick rüsten können all bi Tieden.
Wat Ji hier liäst, ist nich geluogen,
Is auk nich ut den Dummen suogen,
Un is kin Märchen, kine Sage,
Ne! Wulftüter giw’t noch van Dage
Dar up den Hoff, wor enst moß tuten
De Mann, wenn he saog Wülfe buten.
(W. Majert)
Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Wölfe hierzulande weitgehend ausgerottet. Im Jahr 1826 sorgten noch einmal zwei Wölfe, die Schafherden angriffen, für Aufsehen. In der Nacht vom 11. auf den 12. September desselben Jahres erlegte der Schäfer Bernhard Kleine Stevermüer die Tiere im Kirchspiel Haltern.

Der Höllenhund in der Rekumer Straße
Nach dem Ausflug in die Welt der wilden Wölfe kommen wir zurück zum Hund. Auch er hat seinen Weg in die Halterner Sagenwelt gefunden. So ist die Rede vom „Höllenhund in der Rekumer Straße“, der nachts sein Unwesen getrieben haben soll.
Angeblich spukte er in einem einst verfallenen Haus am Marktplatz am Ende der Rekumer Straße, wo sich heute das Eiscafé Dolomiti befindet. In unheimlichen Nächten sollen sein grauenhaftes Heulen und das Rasseln seiner Ketten zu hören gewesen sein. Mutige blickten durch die zugenagelten Fenster des verlassenen Hauses und sahen seinen glühenden Augen entgegen.
Schließlich baten Halterns Bürger einen Franziskanermönch aus Dorsten um Hilfe, der einen nahezu heiligen Ruf genoss. Er drang in das Haus ein, und es gelang ihm, den Hund durch Beten in Fesseln zu legen. Zahlreiche Männer und zwei Pferde wurden benötigt, um das Höllentier in die Hohe Mark zu schleppen. Dort verbannte der Mönch die Bestie mit Gebeten an einen geheimen Ort.
Der Legende nach nähert sich der Hund jedes Jahr wieder um einen Hahnentritt den Halterner Stadtmauern. Sobald er diese erreicht, ist er wieder frei und kann erneut sein Unwesen treiben.

Text: Frank Schürmann

