Es gibt Tage, bei denen viele Menschen auch Jahrzehnte später noch genau wissen, wo sie waren und was sie gerade taten. Der 11. September 2001 ist ein solcher Tag. 25 Jahre nach den Terroranschlägen in den USA haben wir uns in der Redaktion gefragt: Wo waren wir eigentlich, als die ersten Nachrichten aus New York kamen? Die Erinnerungen führen zurück in Büros und Wohnzimmer, in ein Geschäft, ein Eiscafé und sogar an eine Dorstener Telefonzelle.
Bei Ralf Meier begann die Erinnerung an diesen Nachmittag mit einem Telefonanruf in einer Redaktion in Krefeld.
Ralf Meier: „Ein Tag, der die Welt veränderte“
„Ich kann mich noch sehr genau an den Nachmittag des 11. September 2001 erinnern. Ich saß gerade mit Kollegen in unserer Redaktion in Krefeld zusammen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende war meine damalige Frau. Völlig schockiert berichtete sie mir von den Geschehnissen in New York und war überzeugt davon, dass daraus ein Krieg entstehen würde. Zu diesem Zeitpunkt war erst einer der beiden Türme des World Trade Centers getroffen worden. Noch konnten wir nicht ahnen, dass dies erst der Beginn eines Tages war, der die Welt verändern sollte.“
Auch Alexander Fichtner hörte zunächst nur davon, dass ein Flugzeug einen der Türme getroffen hatte. Das ganze Ausmaß wurde ihm erst wenig später bewusst.
Alexander Fichtner: „Angriff auf die freie Welt“
„Ich war in Dorsten in einem Laden, als ich hörte, dass ein Flugzeug in einen der Twin Towers geflogen sei. Erst dachte ich an einen Unfall mit einer kleinen Maschine. Auf der Heimfahrt wurde mir im Radio das ganze Ausmaß bewusst. Schnell war klar: Das war ein Angriff auf unsere freie Welt. An diesem Tag verlor sie ein Stück ihrer Unschuld.
Heute sind die Taliban wieder an der Macht in Afghanistan. Dass Deutschland mit diesem Regime Gespräche führt, macht den Rückblick auf den 11. September umso bitterer.“

An vielen Arbeitsplätzen trat an diesem Nachmittag plötzlich alles andere in den Hintergrund. Jacqueline de Cilia erinnert sich an einen Konferenzraum voller Kollegen, klingelnde Telefone und eine merkwürdige Stimmung auf der Straße.
Jacqueline de Cilia: „Wir dachten an die Menschen in New York“
„Ich habe zu diesem Zeitpunkt in einem bankenunabhängigen Finanzdienstleistungsinstitut gearbeitet. Als uns die Nachricht erreichte, versammelten wir uns im Konferenzraum, um die Bilder auf dem dortigen Fernseher zu sehen. Unsere Faxgeräte und Telefone standen nicht still. Die Menschen hatten große Sorge um ihre Investments. Uns selber hat dieser Umstand erschrocken. Unsere Sorgen galten den Menschen in New York. Wir verließen alle gemeinsam das Büro. Unheimlich, fast bizarr war die Stimmung auf der Straße. Erst am Abend konnte ich wirklich erfassen, was dieses abscheuliche Attentat für uns alle bedeutet. Niemals werde ich diesen Tag vergessen.“
Mancherorts blieben angesichts der Bilder dagegen schlicht die Worte aus.
Martina Jansen: „Niemand von uns hat geredet“
„Am 11. September vor 25 Jahren habe ich noch bei der damaligen Veba Oel gearbeitet und werde diesen Tag sicher nie vergessen. Immer mehr Kollegen hatten sich in einem Büro versammelt und ich konnte die Anspannung deutlich spüren. Niemand von uns hat geredet. Aber was hätten wir auch sagen sollen?“
Christian Sklenak bekam von den Ereignissen zunächst nichts mit. Er war an diesem Tag für die WAZ Dorsten unterwegs.
Christian Sklenak: „Der Fernseher lief heiß“
„Ich war für die WAZ Dorsten im Außendienst. Somit habe ich es erst später erfahren, als ich nach Hause kam. Da lief bei meinen Eltern, die mit im Haus wohnten, schon der Fernseher heiß. Die nächsten Stunden starrte ich nur noch entsetzt auf den Fernseher und konnte kaum glauben, was da passiert war.“

Wie eng sich Weltgeschichte und ganz normaler Familienalltag an diesem Nachmittag miteinander vermischten, zeigt die Erinnerung von Petra Bosse besonders deutlich.
Petra Bosse: „Es begann wie ein ganz normaler Dienstag“
„Der 11. September 2001 begann für mich wie ein ganz normaler Dienstag. Morgens gingen die Kinder zur Schule, draußen war es bereits herbstlich. Ich erinnere mich noch an das Radio, das nebenbei lief, und an den Wetterbericht. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag auch 25 Jahre später noch so präsent sein würde.
Am Nachmittag kam die erste Nachricht aus New York. Um 14.46 Uhr deutscher Zeit war ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers geflogen. Ich schaltete den Fernseher ein und konnte zunächst kaum glauben, was ich dort sah.
Sofort rief ich meinen Mann an, der damals als Kommissar in Essen arbeitete. Als ich ihm erzählte, dass ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers geflogen sei, hielt er das zunächst für völlig abwegig. So unvorstellbar war die Nachricht in diesem Moment.
Währenddessen lief zu Hause der ganz normale Familienalltag weiter. Das Essen stand auf dem Herd. Mein jüngster Sohn Daniel war bereits zu Hause, wenig später kam auch mein anderer Sohn David aus der Schule. Doch an diesem Nachmittag saßen wir beim Mittagessen vor dem Fernseher.
Mein zehnjähriger Sohn stellte eine Frage nach der anderen. Was war passiert? Warum war das passiert? Was würde jetzt geschehen? Viele seiner Fragen konnte ich nicht beantworten. Schließlich wusste ich selbst nicht, was wir dort gerade erlebten.
Dann kam um 15.03 Uhr der zweite Einschlag. Ein weiteres Flugzeug flog vor laufenden Kameras in den Südturm. Das war für mich der zweite Schock. Jetzt konnte niemand mehr an einen schrecklichen Unfall glauben.
Von diesem Moment an lief der Fernseher, soweit ich mich erinnere, bis tief in die Nacht. Ich telefonierte mit Freundinnen. Die Gespräche begannen fast immer mit derselben Frage: ‚Hast du das mitbekommen?‘
Auch am nächsten Tag und in den folgenden Wochen beherrschten die Anschläge die Gespräche. Bei den Erwachsenen genauso wie bei den Kindern.
Nach 25 Jahren erinnere ich mich deshalb nicht nur an die Bilder aus New York. Ich erinnere mich an einen ganz gewöhnlichen Dienstag, an das Essen auf dem Herd, an meine Kinder, die aus der Schule kamen, und an ihre vielen Fragen. Es sind diese kleinen Dinge, die mir bis heute zeigen, wie plötzlich sich dieser 11. September 2001 verändert hat.“

Ihr Sohn Daniel war damals noch ein Kind. Er erinnert sich vor allem daran, wie lange die Bilder anschließend den Alltag bestimmten.
Daniel Bosse: „Es lief durchgehend im Fernsehen“
„Ich kam damals gerade aus der Schule und weiß noch, dass das gefühlt drei Wochen lang durchgehend im Fernsehen lief.“
Für Oliver Borgwardt war der 11. September mit einer besonderen persönlichen Erfahrung verbunden. Nur wenige Monate zuvor hatte er selbst auf dem World Trade Center (WTC) gestanden. Einen Tag nach den Anschlägen sollte er zudem mit einer Gruppe von Studenten nach Spanien fliegen.
Oliver Borgwardt: „Noch vor wenigen Monaten hatte ich auf dem WTC gestanden“
„Am 12. September sollte ich mit der Uni für einige Wochen nach Spanien auf eine historische Exkursion reisen. Am 11. September wollte ich mich zur Vorbereitung mit einem Kommilitonen treffen, der ebenfalls in Dorsten wohnte. Da ich noch etwas in der Stadt erledigen wollte, setzte ich mich in das damalige Eiscafé am Markt, links neben dem Alten Rathaus. Dort lief ein Fernseher ganz nebenbei, und ich schenkte ihm eigentlich keine Beachtung, bis auf einmal alle auf den Bildschirm starrten. ‚Mach das lauter‘, rief einer.
Ich konnte es kaum fassen. Erst vor wenigen Monaten war ich selbst auf dem WTC gewesen und nun brannte einer der Türme. Ich war so aufgeregt, dass ich das Café verließ und zur Telefonzelle neben der Agathakirche eilte. ‚Mach den Fernseher an‘, rief ich zu meiner Mutter durch den Hörer. ‚Das musst du sehen.‘ – ‚Ich sehe es‘, hörte ich sie nur fassungslos sagen.
Ich machte mich dann auf den Weg zu meinem Mitstudenten und wir sahen live im TV den Einschlag des zweiten Flugzeugs und den Zusammenbruch der Türme. Stunden vergingen vor dem Fernseher. Wir telefonierten mit den anderen Studenten, dann stand aber fest, dass unser Flug am nächsten Morgen nicht abgesagt war. Keine 24 Stunden nach 9/11 kamen wir in Düsseldorf an, wo schwer bewaffnete Beamte den Eingang sicherten.
Es war surreal. Nur wenige Monate zuvor war ich auf dem WTC gewesen, was mir wegen meiner Höhenangst nur teilweise Spaß gemacht hatte. Nun erhob sich an dieser Stelle jenes Stahlgerippe aus dem Schutt, das heute noch in jedem Geschichtsbuch ist. Ein Jahr später flog ich wieder in die USA und erlebte dort den ersten Jahrestag. Aus dem lebensfrohen und optimistischen Amerika, das ich kannte, war eine zutiefst verstörte und paranoide Gesellschaft geworden.“
Auch 25 Jahre später sind es oft nicht nur die großen Bilder aus New York, die in Erinnerung geblieben sind. Viel stärker haben sich ganz alltägliche Momente eingeprägt: wer neben einem saß, wer angerufen hat, was gerade auf dem Herd stand oder an welchem Ort man die Nachricht zum ersten Mal hörte. Gerade diese kleinen, persönlichen Details machen deutlich, wie tief sich der 11. September 2001 in das eigene Leben eingebrannt hat.
Vielleicht können deshalb so viele Menschen die Frage auch ein Vierteljahrhundert später noch beantworten: Wo warst du am 11. September 2001?

